22 June 2026

Multifunktionale Freiräume:

#Vorschaubild zum Blogbeitrag Mehrfachnutzen. Wenn Freiräume mehr als eine Aufgabe erfüllen sollen.

Warum Kommunen heute Mehrfachnutzen erwarten

Wenn von multifunktionalen Freiräumen gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf ausgewiesene Multifunktionsflächen oder Bereiche, in denen verschiedene Angebote gebündelt werden.

Mein Verständnis setzt früher an: bei jedem einzelnen Element einer Freifläche.

Eine Sitzbank bietet Raum zum Ausruhen und Begegnen. Ihre Formgebung kann zugleich zum Balancieren, Turnen oder Spielen anregen. Eine Einfassung strukturiert einen Bereich, kann als Sitzkante dienen und Bewegung ermöglichen. Wege verbinden nicht nur Orte miteinander. Auch Stufen, Geländemodellierungen, Mauern, Bepflanzungen oder Flächen für das Regenwassermanagement können weit mehr als eine Aufgabe übernehmen.

Für mich entsteht Mehrfachnutzen deshalb auf der gesamten Fläche und in jedem gestalterischen Detail.

In Ausschreibungen werden Elemente häufig vor allem über ihre Hauptfunktion beschrieben. Eine Bank ist eine Bank, ein Weg ein Weg, eine Mulde dient dem Regenwassermanagement.


Diese Betrachtung führt zu einer erweiterten Leitfrage:

Wer nutzt welches Element zu welcher Zeit und auf welche Weise?

Diese Frage lenkt den Blick auf den tatsächlichen Alltag eines Ortes und auf die unterschiedlichen Möglichkeiten, die einzelne Elemente dabei eröffnen. Kinder nutzen eine Fläche möglicherweise am Nachmittag. Berufstätige queren sie am Morgen und am Abend. Ältere Menschen suchen Sitzmöglichkeiten, Schatten und gut erreichbare Wege. Jugendliche brauchen Räume, in denen sie sich treffen und bewegen können. An heißen Tagen gewinnen Bäume und beschattete Aufenthaltsbereiche an Bedeutung. Bei Starkregen wird dieselbe Fläche Teil des Regenwassermanagements.

Multifunktionalität beschreibt die Fähigkeit eines Ortes, über den Tag, über die Jahreszeiten und über viele Jahre hinweg unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen.


Warum Mehrfachnutzen für Kommunen wichtiger wird

Auf begrenzten Flächen treffen heute viele Anforderungen aufeinander. Klimaanpassung, Bewegung, Biodiversität, soziale Teilhabe, Aufenthaltsqualität und ein wirtschaftlich tragfähiger Betrieb lassen sich nicht unabhängig voneinander betrachten.

Umso interessanter wird die Frage, welchen konkreten Beitrag eine Fläche für einen Ort und die Menschen leisten kann.

Ein Spielbereich kann gleichzeitig Treffpunkt für Familien, Bewegungsraum, schattiger Aufenthaltsort und Teil eines grünen Wegenetzes sein.

Eine bepflanzte Mulde kann Regenwasser zurückhalten, Verdunstung fördern, Lebensräume schaffen und gleichzeitig die Wahrnehmung von Natur im direkten Wohnumfeld stärken.

Eine Sitzgelegenheit erfüllt ihre Aufgabe nicht allein dadurch, dass sie vorhanden ist. Wo steht sie? Ist sie erreichbar? Liegt sie im Schatten oder in der Sonne? Kann ich von dort beobachten, am Geschehen teilnehmen oder mich bewusst zurückziehen?


Mehrfachnutzen entsteht im Zusammenspiel.

Genau dieses Zusammenspiel sollte aus meiner Sicht auch in Planung, Ausschreibung und Projektvermittlung sichtbar werden.


Nicht möglichst viele Funktionen, sondern die richtigen

Je mehr Aufgaben eine Fläche übernehmen soll, desto wichtiger wird die Priorisierung.

Ein Freiraum kann Regenwasser aufnehmen, Abkühlung fördern, Bewegung ermöglichen, Begegnung unterstützen und ökologisch wirksam sein. Gleichzeitig muss er erreichbar, robust, übersichtlich und langfristig pflegbar bleiben.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wie viele Funktionen können wir auf dieser Fläche unterbringen?

Sondern:

Welche Funktionen passen zu diesem Ort, zu den Menschen, die ihn nutzen, und zu den vorhandenen Möglichkeiten?

Eine dicht genutzte Fläche im Zentrum braucht andere Antworten als ein Freiraum am Rand eines Wohngebiets. Ein Schulhof folgt einem anderen Tagesrhythmus als ein Quartiersplatz. Eine Fläche mit hoher sommerlicher Hitzebelastung benötigt andere Schwerpunkte als ein bereits gut beschatteter Standort.

Multifunktionalität heißt für mich deshalb nicht, möglichst viel unterzubringen. Es geht darum, die richtigen Funktionen sinnvoll miteinander zu verbinden.


Betrieb und Pflege gehören zur Qualität

Ein Freiraum muss nicht nur zur Eröffnung funktionieren. Seine eigentliche Qualität zeigt sich über Jahre.

Pflege, Wartung und Weiterentwicklung gehören deshalb frühzeitig in die Planung. Materialien und Pflanzungen müssen zum Standort und zu den vorhandenen Ressourcen passen. Bauteile sollten instand gesetzt werden können. Veränderungen durch Jahreszeiten, Nutzung und Alterung müssen mitgedacht werden.

Ein gutes Konzept verbindet ökologische Wirkung und soziale Nutzung mit einem Betrieb, der langfristig realistisch bleibt.

Für mich gehört auch das zum Mehrfachnutzen: Eine Fläche entwickelt sich weiter, ohne dass ihre ursprüngliche Idee verloren geht.


Was das für Ausschreibungen und Projektunterlagen bedeutet

In Projektunterlagen werden häufig einzelne Maßnahmen beschrieben:

Bäume. Mulden. Wege. Sitzgelegenheiten. Spielangebote. Diese Aufzählung zeigt, was vorgesehen ist. Sie erklärt noch nicht, was daraus für den Ort entsteht. Eine überzeugende Beschreibung sollte deshalb nicht nur Produkte und Elemente benennen, sondern Zusammenhänge sichtbar machen:

Wer kann die Fläche nutzen? Welche Wirkung entsteht? Warum ist genau diese Lösung für diesen Ort sinnvoll?

Ausschreibungen und Projektunterlagen gewinnen aus meiner Sicht an Aussagekraft, wenn Funktion, Wirkung und tatsächliche Nutzung miteinander verbunden werden.

Ein Baum ist dann nicht nur eine Position im Leistungsverzeichnis. Er schafft Schatten, beeinflusst das Mikroklima, verändert die Aufenthaltsqualität und kann einem Ort räumliche Struktur geben.

Eine Sitzkante ist nicht nur eine Einfassung. Sie kann Aufenthalt ermöglichen, Treffpunkt werden, zum Balancieren einladen oder einen Höhenunterschied selbstverständlich nutzbar machen.

Solche Zusammenhänge machen den Wert einer Planung nachvollziehbar.


Mein Prüfraster für multifunktionale Freiräume

Wenn ich mir ein Konzept anschaue, helfen mir sechs Fragen:

  1. Wer nutzt die Fläche zu welcher Zeit?
  2. Welche Funktionen werden sinnvoll miteinander verbunden?
  3. Welcher konkrete Nutzen entsteht für die Menschen vor Ort?
  4. Welche klimatischen und ökologischen Leistungen übernimmt die Fläche?
  5. Wie werden Pflege, Wartung und langfristiger Betrieb berücksichtigt?
  6. Wie lässt sich der Mehrwert verständlich und nachvollziehbar vermitteln?

Dieses Prüfraster richtet meinen Blick nicht nur auf einzelne Elemente, sondern auf das Zusammenspiel von Ort, Nutzung, Wirkung und langfristiger Entwicklung.


Mehrfachnutzen ist eine Frage der Qualität

Für mich bemisst sich die Qualität eines multifunktionalen Freiraums nicht an der Anzahl der Funktionen, die ihm zugeschrieben werden.

Entscheidend ist, was tatsächlich miteinander funktioniert.

Ein Freiraum kann Bewegung ermöglichen, ohne dafür ausschließlich als Bewegungsfläche ausgewiesen zu sein. Er kann Wasser aufnehmen und zugleich Aufenthaltsqualität schaffen. Eine Einfassung kann Grenze, Sitzplatz und Bewegungsanreiz zugleich sein. Ein Baum kann weit mehr leisten als Begrünung.

Dieser Blick auf Mehrfachnutzen beginnt deshalb für mich mit einer entscheidenden Frage:

Wer nutzt die Fläche zu welcher Zeit und welchen Wert schafft sie dabei?


Quellen und weiterführende Hinweise


  • Umweltbundesamt – Neues Europäisches Bauhaus weiterdenken. Nachhaltige Mobilität und resiliente urbane Räume für mehr Lebensqualität:

https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/11850/publikationen/2026-03/44_2026_TEXTE_bf.pdf


Nächstes Thema: Im nächsten Beitrag geht es darum, was Planer wirklich brauchen, wenn Hersteller Informationen liefern. Die Frage dahinter lautet: Welche Informationen helfen in der Praxis weiter, damit Produkte verständlich beschrieben, sauber eingeordnet und fundiert bewertet werden können?


Bleiben Sie gespannt und verpassen Sie nicht den nächsten Blogbeitrag!

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